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Sanktionen bremsen Erholung der russischen Wirtschaft

OAOEV-Geschäftsführer Harms (2.v.li.) und der AHK-Vorstandsvorsitzende Schepp (2.v.re.) präsentierten die Umfrage in Moskau. Foto: AHK
Deutsche Unternehmen mit aktuellen Umsätzen zufrieden/ Aussichten für 2019 trüben sich aber deutlich ein / Geschäftsklima-Umfrage Russland 2019

Mit wachsenden Sorgen blicken die deutschen Unternehmen im Russland-Geschäft auf 2019: Im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Geschäftserwartungen deutlich eingetrübt. Zu den großen Risikofaktoren gehören neben dem volatilen Wechselkurs des Rubels die Sanktionen gegen Russland. Dies sind die zentralen Ergebnisse der 16. Geschäftsklima-Umfrage des Ost-Ausschuss - Osteuropavereins der Deutschen Wirtschaft (OAOEV) und der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK). An der Umfrage haben sich 168 deutsche Unternehmen beteiligt, die in Russland fast 142.000 Mitarbeiter beschäftigen und dort knapp 23 Milliarden Euro umsetzen. Die Ergebnisse wurden am 18. Dezember durch den Vorsitzenden der Geschäftsführung des OAOEV Michael Harms und den Vorstandsvorsitzenden der AHK Matthias Schepp in Moskau vorgestellt.

Rund 60 Prozent der befragten Unternehmen befürchten im kommenden Jahr eine Stagnation (36 Prozent) oder Verschlechterung (23 Prozent) der russischen Wirtschaft. Optimistisch sind nur noch 41 Prozent. Bei der Vorjahresumfrage hatten noch fast 80 Prozent der Befragten auf einen Aufschwung in Russland gesetzt.  „Die Verunsicherung durch eine mögliche neue Zuspitzung der politischen Konflikte und weitere Sanktionsrunden der USA ist mit Händen zu greifen“, kommentierte Michael Harms die Ergebnisse. „Das Potenzial der russischen Wirtschaft bleibt aber ungeheuer groß. Sollte sich der Konflikt mit dem Westen endlich lösen und der Aufbau eines Mittelstands vorankommen, würde Russlands Wirtschaft schnell einen echten Aufschwung erleben.“

„In den vergangenen Jahren haben es die deutschen Unternehmen geschafft, gegen den insgesamt schwächelnden Markt zu wachsen“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK), Matthias Schepp.

Dass die in Russland engagierten deutschen Unternehmen insgesamt zufrieden mit ihrem Engagement in Russland sind, zeigen die weiteren Ergebnisse:
87 Prozent der Unternehmen bewerten ihre gegenwärtige Lage in Russland mit befriedigend bis sehr gut. Deutlich mehr als die Hälfte der Befragten konnten ihren Jahresumsatz 2018 ausbauen. Schepp: „Das Bekenntnis der deutschen Unternehmen zum Standort Russland ist trotz bestehender Schwierigkeiten eindeutig. Sie sind gerne im Land und wollen hier weiter investieren.“

Während die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen etwas zurückgegangen ist, ist die Investitionsbereitschaft ungebrochen. Die in den kommenden zwölf Monaten geplanten Unternehmensinvestitionen belaufen sich zusammen auf über 628 Millionen Euro, deutlich mehr als im Vorjahr.

US-Sanktionen führen zu wachsenden Problemen

Zunehmende Probleme bereiten den deutschen Unternehmen im Russland-Geschäft die US-Sanktionen. Über die Hälfte der Befragten sehen sich inzwischen direkt oder indirekt von den US-Sanktionen betroffen, nur ein Drittel spürt bislang keine Auswirkungen. „Weiterhin überlegt nur eine kleine Gruppe von Unternehmen aufgrund der US-Sanktionen ihre Aktivitäten in Russland zurückzufahren, jedes dritte Unternehmen will das Russland-Geschäft weiter ausbauen“, sagte Harms. „Die Mehrzahl der Unternehmen wartet allerdings ab, wie sich die Lage entwickelt. Ein politischer Entspannungsprozess würde hier sehr helfen. Dazu muss Russland einen entscheidenden Beitrag leisten.“

„Die Sanktionen führen nach Meinung der in Russland vertretenen deutschen Unternehmen nicht zu den politisch erwünschten Ergebnissen“, erklärte Schepp. „Es ist deshalb höchste Zeit, dass Russland und Europa an einem Einstieg in den Ausstieg arbeiten. Die neuen amerikanischen Sanktionen verfolgen zudem eindeutig das Ziel, für Amerika wirtschaftliche Vorteile zu erreichen, auch auf Kosten deutscher und europäischer Unternehmen.“

Um die US-Sanktionen im Finanzsektor gegen den Iran zu umgehen, wird inzwischen in der EU über den Aufbau eines Dollar-unabhängigen Zahlungssystems diskutiert. „Zwei Drittel der von uns befragten Unternehmen stehen der Idee auch für den Handel mit Russland positiv gegenüber. Wenn wir vermeiden wollen, dass die USA Kontrolle über den EU-Außenhandel ausüben, müssen wir stärker in diese Richtung denken“, sagte Harms.

Was die Zukunft der EU-Wirtschaftssanktionen gegen Russland betrifft, wünschen sich 52 Prozent der befragten Unternehmen einen schrittweisen Abbau der Sanktionen, 43 Prozent treten für ihre sofortige Abschaffung ein. Diese Zahlen sind seit einigen Jahren relativ konstant.

Export verliert an Schwung

Wenig optimistisch für 2019 sind die nach Russland exportierenden Unternehmen: „Während die deutschen Importe aus Russland aktuell wachsen, erwarten wir bereits für 2018 leichte Einbußen bei den deutschen Exporten nach Russland. Dies liegt unter anderem am niedrigen Rubel-Kurs, der deutsche Waren tendenziell verteuert“, sagte Harms. „Auch die Exportaussichten für 2019 sind leider getrübt: Nur 30 Prozent der Befragten erwarten im nächsten Jahr Exportzuwächse, eine klare Mehrheit rechnet mit Stagnation oder Rückgängen.“

Dazu passt, dass laut Umfrage fast zwei Drittel der befragten Unternehmen den Wechselkurs als derzeit größten Störfaktor im Russland-Geschäft bezeichnen. Knapp dahinter folgen die US- und EU-Sanktionen, die von jeweils gut der Hälfte der Unternehmen als große Belastung eingestuft werden.

Vor dem Hintergrund der Importsubstitutionspolitik gibt es in Russland zudem zunehmend protektionistische Hürden für ausländische Unternehmen. Nur 36 Prozent der befragten Unternehmen sehen sich davon nicht betroffen.

„Der weltweite Vormarsch des Protektionismus hat auch vor Russland nicht haltgemacht“, erklärte AHK-Chef Schepp. „Sanktionen befördern die protektionistischen Tendenzen in Russland und stärken deren Vertreter in der russischen Regierung.“

Bilaterale Beziehungen stagnieren

Die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland stagnieren nach Ansicht von 54 Prozent der Befragten. Lediglich ein knappes Drittel von ihnen nimmt eine Verbesserung wahr. Themen wie gegenseitige Visaerleichterungen sind nach Ausbruch des Ukraine-Konflikts vollkommen von der Tagesordnung verschwunden. Dabei wünschen sich 90 Prozent der befragten Unternehmen den Abbau von Visa-Schranken zwischen Deutschland und Russland.

„Gerade wenn die politischen Beziehungen recht festgefahren bleiben, ist der direkte Kontakt zwischen Deutschen und Russen ein stabilisierendes Element und eine Investition in eine bessere Zukunft“, sagte der AHK-Vorstandsvorsitzende Schepp. „Visafreies Reisen für Studenten und Auszubildende, für junge Männer und Frauen unter 25 wäre ein solcher Schritt.“

Neben der Visa-Freiheit gehört eine engere Zusammenarbeit der EU mit der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) zu den wichtigsten Forderungen.  Für mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen hat die EAWU inzwischen große oder wachsende Bedeutung. „Es ist sehr wichtig, dass die Europäische Kommission ihre Beziehungen mit der EAWU intensiviert“, sagte Michael Harms. „Jeder auch noch so kleine Fortschritt bei der Angleichung von Normen, Standards, Zertifizierungsprozessen und anderen Bestimmungen kommt unmittelbar der Wirtschaft zu Gute, in ganz Europa. Dazu brauchen wir diesen Dialog.“

Die Landwirtschaft und die Ernährungsindustrie werden von den deutschen Unternehmen unverändert als die wachstumsstärksten Branchen in Russland eingeschätzt (56 Prozent der Befragten). Von Rang sechs auf Rang zwei kletterte in diesem Jahr der Sektor IT/Telekommunikation, der von 52 Prozent als aussichtsreichster Sektor bewertet wurde. Klarer Absteiger ist die Automobilindustrie, die nur noch 16 Prozent der Befragten als Zukunftsbranche nannten und die dadurch von Rang drei auf Platz zehn rutschte.

  • Die Umfrage wurde heute im TASS-Gebäude in Moskau präsentiert. Foto: TASS
  • OAOEV-Geschäftsführer stellte die Ergebnisse vor. Foto: TASS
  • OAOEV-Geschäftsführer Harms im Interview. Foto: TASS
Ansprechpartner

Andreas Metz
Leiter Presse und Kommunikation
Telefon: +49 30 206167-128
a.metz@bdi.eu

Die Pressekonferenz im Video gibt es hier

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