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Turkmenistan sucht neue Impulse

Vizepremier Gylydzhov (li.) mit OAOEV-Geschäftsführer Harms (3.v.re.) auf der Ausstellung turkmenischer Produkte. Foto: A. Metz
Diversifizierung von Energieexporten und Wirtschaft angestrebt/ Deutsch-Turkmenisches Businessforum in Berlin

Turkmenistan steht in wirtschaftlicher Hinsicht im Schatten seiner Nachbarn Kasachstan und Usbekistan. Der deutsch-turkmenische Güteraustausch bewegt sich mit einem Volumen von 150 Millionen Euro auf überschaubarem Niveau. Der Wüstenstaat am Kaspischen Meer mit seinen sechs Millionen Einwohnern weckt vor allem durch seine umfangreichen Öl- und Gasvorräte das Interesse ausländischer Investoren. Neue Impulse sucht das Land durch den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur im Zusammenhang mit der chinesischen Belt & Road-Initiative (BRI) sowie durch die Diversifizierung seiner Wirtschaft jenseits des Öl- und Gassektors.

Der Energiesektor gehörte zu den Branchen, die beim Deutsch-Turkmenischen Businessforum, das Mitte Februar in der Repräsentanz der Deutschen Bank in Berlin stattfand, im Mittelpunkt standen. Daneben wurden aber auch die Perspektiven des Landes in der Chemieindustrie, in Transport und Logistik sowie in der Agrar- und Ernährungswirtschaft diskutiert. Über 150 Vertreter aus Politik und Wirtschaft, darunter eine große turkmenische Delegation unter Leitung von Vize-Premier Chary Gylydzhov und Präsidentensohn Serdar Berdimuhammedow, dem stellvertretenden Gouverneur der Region Ahal, nahmen an dem bilateralen Wirtschaftsforum teil, das der OAOEV zusammen mit der Delegation der Deutschen Wirtschaft in Zentralasien und turkmenischen Partnern organisierte.

Region in Aufbruchstimmung

„Die Region Zentralasien ist in einer Aufbruchstimmung,“ sagte OAOEV-Geschäftsführer Michael Harms zur Eröffnung: „Es passiert derzeit sehr viel, unter anderem angestoßen durch das chinesische Projekt der 'Neuen Seidenstraße' und durch reiche Rohstoffvorkommen, die auf Förderung und Weiterverarbeitung vor Ort warten.“ Die Öl- und Gasvorkommen schüfen die Basis für eine „Win-Win-Situation“, denn deutsche Unternehmen könnten mit ihrem Know-how und ihren Technologien einen entscheidenden Beitrag leisten, um die Wertschöpfung in Industrie und Landwirtschaft nachhaltig zu erhöhen, und Turkmenistan könne zu einer Diversifizierung der Energieimporte der EU beitragen. Die Einigung auf den wirtschaftlichen Status des Kaspischen Meeres, die die Anrainerstaaten im August 2018 erzielt hatten, bezeichnete Harms als „Meilenstein für die Region“.

Vizepremier Gylydzhov gab einen Überblick über die wirtschaftliche Entwicklung seines Landes, für das Deutschland ein „aussichtsreicher Partner“ sei. Er verwies auf die Bemühungen Turkmenistans den Öl- und Gasexport zu diversifizieren, etwa durch die TAPI-Pipeline, die über Afghanistan und Pakistan nach Indien führen soll. Zudem wird die petrochemische Industrie ausgebaut. „Wir laden deutsche Unternehmen ein, sich an Großprojekten zu beteiligen“, sagte der Vize-Premier. Auch im Verkehrsbereich gebe es große Infrastrukturprojekte wie den Bau der ersten Autobahn des Landes im Zusammenhang mit der „Wiedererrichtung der Seidenstraße“.

Auch Alexander Schönfelder, Beauftragter für Technologiepolitik, Handels- Finanz- und Sanktionspolitik im Auswärtigen Amt, unterstrich die Chancen, die eine Pipeline durch das Kaspische Meer für die Diversifizierung der europäischen Energieversorgung biete. Zudem eröffneten die Maßnahmen der Regierung zur Diversifizierung der Wirtschaftsstruktur Beteiligungsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen. Damit könne die „derzeitige Durststrecke im bilateralen Handel“ überwunden werden. Im Jahr 2018 war der bilaterale Warenaustausch um fast 60 Prozent zurückgegangen. Turkmenistan sei „ein verlässlicher Partner“, einzelne „Problemfälle“ seien gelöst worden. Schönfelder wies zudem auf die neue EU-Konnektivitätsstrategie für Eurasien hin, die eine Alternative und gleichzeitig Ergänzung zur chinesischen BRI-Initiative sei.

Über 180 Öl- und Gasfelder

Der Energie- und Chemiesektor stand im Fokus der anschließenden Diskussionsrunde, die von OAOEV-Regionaldirektor Eduard Kinsbruner moderiert wurde. Turkmenische Branchenvertreter stellten wichtige Projekte in der Öl- und Gasförderung sowie im Transport vor. Turkmenistan verfügt über 180 Öl- und Gasfelder. Schwerpunkte sind die Explorationsarbeiten im Kaspischen Meer und in Galkynysh, dem zweitgrößten Gasfeld der Welt, dessen Gas die TAPI-Pipeline füllen soll. Michael Napel vom deutschen Ingenieurbüro ILF, das als technischer Berater fungiert, bezeichnete die Pipeline aufgrund der politischen und geographischen Herausforderungen als „schwieriges Projekt“. Wichtig sei ein „vernünftiges Sicherheitskonzept.“ Maria Rüter von Siemens hob die Bedeutung grenzüberschreitender Projekte im Energiesektor mit den Nachbarländern wie Usbekistan hin. In der Chemieindustrie werden mit internationaler Beteiligung Produktionsanlagen für Dünger und Ammoniak errichtet. Auf beide Branchen entfallen zusammen rund 85 Prozent der Kredite der Staatsbank für Außenwirtschaftstätigkeit.

Aufgrund des deutlich gestiegenen Finanzierungsbedarfs für Großprojekte werde „die Finanzierung sicher nicht alleine durch private Banken erfolgen,“ sagte Jörg Bongartz vom Gastgeber Deutsche Bank: Bei der Finanzierung der Projekte müsse Turkmenistan Exporterlöse zur Deckung nutzen und internationale Entwicklungsbanken einbinden. Deutsche Unternehmen könnten turkmenische Unternehmen beim Export auf Drittmärkte unterstützen und „Brückenbauer auf Absatzmärkte außerhalb der GUS sein“, sagte Eduard Albrecht von Polytrade Global: „Was den Import betrifft, wissen die Turkmenen selbst, wo sie am besten einkaufen.“ Für deutsche KMU sei es aber noch „zu früh“, auf den turkmenischen Markt zu gehen.

Teil der Seidenstraße

In der zweiten Diskussionsrunde drehte sich alles um Transport und Logistik. Mit dem Ausbau seiner Verkehrsinfrastruktur will Turkmenistan ein wichtiger Teil der chinesischen Seidenstraße werden. Zu den großen Projekten gehören der im Frühjahr 2018 eröffnete Hafen in Turkmenbaschi und der Bau der ersten turkmenischen Autobahn von der Hauptstadt Aschgabad nach Turkmenabad. Daniel Wieland von DB Schenker wies auf den „enormen Zuwachs“ im Schienengüterverkehr aus Zentralasien hin. Der Ausbau des Schienenverkehrs stoße aber auf praktische Herausforderungen, wie die nötigen Spurwechsel, den von Land zu Land unterschiedlichen Rechtsrahmen und die Tücken der Geografie, etwa Grenzübergänge auf 3.000 Kilometer Höhe in Kirgisistan. Eine politische Herausforderung ist die starke chinesische Präsenz in der Region. Die deutschen Vertreter wünschten sich daher mehr politische Unterstützung vor Ort.

Vom Importeur zum Exporteur

In der abschließenden Diskussionsrunde ging es um die Landwirtschaft, in der es im vergangenen Jahr wichtige Entwicklungen gab: Turkmenistan ist vom Weizenimporteur zum -exporteur geworden, und die Fischereien wurden privatisiert und genießen zurzeit Vorzugsfinanzierungen. Das Thema Technologie und der Umgang damit stand bei der Diskussion im Vordergrund. Technologie alleine reiche nicht, da sie auch richtig genutzt werden müsse, so Dirk Stratmann, Direktor CIS bei John Deere. Mit der Technologie müsse man auch das Wissen liefern. Manche deutschen Unternehmen kooperierten daher bereits mit turkmenischen Universitäten bei der Ausbildung von Fachkräften in der Landwirtschaft.

Für den Mittelstand ist nach wie vor die Frage der Finanzierung wichtig. Der Staat spielt dabei in Turkmenistan eine große Rolle. Das turkmenische Ministerium für Landwirtschaft, Wasser und Forstwirtschaft fungiert etwa als Käufer bei einem Vorhaben des deutschen Landtechnikhändlers UMAX, mit dem Ziel, den Wasserverlust im Karakum-Kanal zu reduzieren, und ermöglicht damit, dass solche Projekte überhaupt realisiert werden.

Praktischen Anschauungsmöglichkeiten über die Produkte der turkmenischen Landwirtschaft und Industrie bot die begleitende Ausstellung im Stil eines Basars, auf der die Teilnehmer getrocknete Früchte, Gemüse und Tee kosten, aber auch Erzeugnisse der Pharmaindustrie begutachten konnten. Die Ausstellung belegte, dass die Diversifizierung der turkmenischen Wirtschaft zumindest in einzelnen Branchen bereits in vollem Gange ist.

Christian Himmighoffen, Margarita Kabakova
Abteilung für Presse und Kommunikation

 

  • Vizepremier Gylydzhov gab einen Überblick über die wirtschaftliche Entwicklung seines Landes. Foto: A. Metz
  • Der Energie- und Chemiesektor stand im Fokus der ersten Diskussionsrunde. Foto: A. Metz
Ansprechpartner

Eduard Kinsbruner
Regionaldirektor Zentralasien
Tel.: 030 206167-114
E.Kinsbruner@bdi.eu

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